Erschienen im Handelsblatt am 15. April 2020

Seit Mitte März berät eine Gruppe von Wissenschaftlern das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) in der Coronakrise. Die Empfehlungen dieser Gruppe haben nicht nur Einfluss auf das Denken und Handeln der Bundesregierung, etwa auf ihre Lockdown-Entscheidung, sondern sind auch schon in Form von internen, vertraulichen Regierungsdokumenten in die Öffentlichkeit gelangt. ‚Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen‘ lautete der Titel des ersten Papiers, das große mediale Aufmerksamkeit erhielt.

Auf 17 Seiten ging es um mögliche Szenarien und entsprechende politische Handlungsoptionen – versehen mit dem ministerialen Sperrvermerk ‚Nur für den Dienstgebrauch‘. Auch ein zweites Strategie-Papier, dieses Mal von einer inoffiziellen Untergruppe der wissenschaftlichen Regierungsberater, kursiert inzwischen in Berlin, ebenfalls medial begleitet – sein Titel: ‚Übergang von Verlangsamung zu Viruskontrollphase‘.

Was bislang fehlt, ist ein konkreter Plan für den Aufbau der dafür notwendigen Architektur in Deutschland. Einen solchen skizziert Denise Feldner, ein Mitglied der Beratergruppe, im folgenden Artikel – er basiert auf den bisherigen Arbeiten und Erkenntnissen dieser Gruppe:

Wir haben in Deutschland bislang keine Architektur, die es uns ermöglicht, mit einer Pandemie zu leben. Dies ist nicht nur die Ursache für den aktuellen Lockdown. Dies spiegelt sich auch in der Diskussion über die Aufhebung des Lockdown wider. Es mangelt bisher an überzeugenden Ideen, wie diese dringend notwendige Architektur für den Umgang mit immer neuen Virus-Wellen gebaut werden kann.

Dabei ist in den letzten Wochen bereits deutlich geworden, welche Säulen diese Architektur umfassen muss: strikte Hygienemaßnahmen, eine vollumfängliche Testinfrastruktur von der Kontaktpersonensuche bis hin zu Grenzkontrollen sowie digitale Systeme, die das Leben mit dem Virus im öffentlichen Raum managen können.

Es geht heute also nicht um einen ‚Exit‘ aus dem Lockdown, um ein Zurück in die Welt vor der Corona-Pandemie, wie immer noch von vielen angenommen wird, sondern um die Transformation durch Innovationen hin zu einer resilienten Welt, die mit Pandemien umzugehen weiß.

Die Gruppe von Wissenschaftlern beim BMI geht davon aus, dass die Corona-Pandemie mindestens ein Jahr, wenn nicht länger, andauern wird. Ökonomen der Universität Zürich haben berechnet, dass eine Volkswirtschaft ein Tag im Lockdown um ein Vielfaches teurer kommt, als die Architektur für ein Viruskontrollregime aufzubauen, zumal dieser Aufbau dabei hilft, die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Und diese muss wieder anlaufen, wenn die Folgen des Lockdown nicht über Jahre in den Bilanzen der Unternehmen sichtbar sein sollen. Umso wichtiger ist nun die Transformation hin zu einer Pandemieresilienten Gesellschaft.

VIRUS KEHRT IN WELLEN ZURÜCK

In Ländern Asiens war bereits zweierlei zu beobachten: Erstens, wie eine solche Architektur aufgebaut werden kann, und zweitens, dass ein Virus in Wellen wiederkehrt. Für die deutsche Wirtschaft hätte es katastrophale Auswirkungen, wenn es aufgrund einer auch in Zukunft nicht existierenden Architektur für den Umgang mit Pandemien zu weiteren Lockdowns käme. Eine solche Maßnahme mit ihren weitreichenden Folgen muss immer die ultima ratio darstellen und darf sich nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Zum Aufbau einer Architektur, die auf Dauer funktioniert und die Transformation ermöglicht, können Unternehmen selbst viel beitragen. Sie beginnt in Laboren und endet bei mobilen Teststationen. Unternehmen sollten zum Vorreiter bei der Errichtung der innovativen Testinfrastruktur werden, die Bund und Länder zu Recht für notwendig halten.

Hierfür geeignet sind ‚Point of Care Tests‘, die auch von Nicht-Experten nach sehr kurzer Einführung genutzt werden können. Diese Tests, verbunden mit einem deutschlandweit einheitlichen Datenfenster, das Testinformationen direkt an die Gesundheitsbehörden weiterleitet, bilden die Basis der Testarchitektur. Unternehmen, die ein Testsystem installieren, helfen dabei, die täglichen Testzahlen zu erhöhen, und machen dadurch die Architektur stabiler.

Die zweite Säule der Architektur zum Leben mit Pandemien bilden umfassende Hygienemaßnahmen. In China, Hongkong, Japan, Singapur, Südkorea und Taiwan ist es zu binden-den Hygienevorschriften gekommen. Hierzu zählen ein umfassendes Maskentragegebot und das Aufstellen von Desinfektionsmittelspendern, wo immer dies möglich erscheint.

Klare Hinweise zum korrekten Händewaschen gehören ebenso dazu wie solche, dass Händeschütteln seinen ursprünglich freundlichen Zweck heute nicht mehr erfüllt. Hinzu kommt das korrekte Aufstellen von Tischen in Büros, Besprechungsräumen und Kantinen – dort müssen zusätzlich Plexiglasscheiben eingebaut werden, um die Essensausgabe zu schützen.

VIRUS-PASSKONTROLLEN IM PERSONENFLUGVERKEHR

Die dritte Säule ist das erforderliche digitale Ökosystem. Dieses reicht von der Datenübertragung der Teststationen an die Gesundheitsbehörden bis hin zum Messen von Fieber, möglicherweise mit individuell ausgestatteten Tags, die Mitarbeiter von ihrem Unternehmen erhalten. Diese können wiederum mit Kommunikationshubs verbunden werden, welche die gesammelten Daten, gemäß den geltenden Datenschutzregeln, verwalten und nur an die zuständigen Stellen kommunizieren.

Unternehmen im Luftfahrtbereich könnten darüber hinaus über ein neues Passkontrollsystem nachdenken. Hier sind in Flughäfen bereits diverse digitale Systeme installiert, die um die neuen, nun notwendig gewordenen Informationen über die Passagiere erweitert werden könnten.

Damit würde ein Personenflugverkehr möglich, der eine Virus-Passkontrolle beinhaltet: Es könnte vor Abflug sichergestellt werden, dass die Passagiere entweder Antikörper vorweisen oder negativ getestet sind.

Wann kann mit dieser Transformation begonnen werden? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten: Zum einen wenn Unternehmen bereit sind, zusammen mit ihren Betriebsräten in Eigeninitiative Teile der künftig erforderlichen Architektur ‚bottom-up‘ aufzubauen. Zum anderen, wenn zusätzlich die Gesellschaft entschieden hat, dass die Relation zwischen Neuansteckung und Verbreitung des Virus ein Niveau erreicht hat, das mit der Architektur gesteuert werden kann.

Wie dies funktionieren kann, hat neben dem Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation sowie dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung auch die Gruppe von Wissenschaftlern beim BMI in einem Modell berechnet. Dieses bezieht nicht nur die Eigenschaften des Coronavirus mit ein, sondern auch die Auswirkungen der Maßnahmen in den Säulen der Architektur zum Leben mit Pandemien.

MITVERANTWORTUNG VON UNTERNEHMEN IST NOTWENDIG

Das Ergebnis der Berechnungen: Je stärker an den Säulen gebaut wird, desto stärker reduziert sich die Anzahl der Neuinfektionen. Die positivste Prognose geht von sukzessiven Lockerungen des Lockdown ab dem 20. April aus, der dann am 1. Juni enden soll und dem sich daraufhin direkt eine Entlastung der öffentlichen Räume durch die Sommerferien anschließt.

Eine praktizierte Mitverantwortung von Unternehmen beim Aufbau der Architektur zum Leben mit Pandemien ist wiederum Grundvoraussetzung für die Ermöglichung der Trans-formation auf der gesetzgeberischen Seite. Dabei ist das Bottom-Up-Engagement der Wirtschaft komplementär zu den Anstrengungen von Bund und Ländern zu sehen, ein Krisenmanagement aufzubauen.

Jetzt, im Lockdown, nur ungeduldig zu werden und zu erwarten, dass die Politik die Krise allein bewältigt, wird keinen Erfolg bringen – weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich. Diese Leistung müssen alle gemeinsam erbringen. Die Wirtschaft kann hier ganz konkret mit innovativen Beispielen vorangehen. Sie hat alle Möglichkeiten dazu. Sie muss diese nur nutzen – in ihrem ureigenen Interesse.

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